Die Rangliste als Spiegelbild des Niedergangs

Das frühe WM-Ausscheiden der Nationalmannschaft schlägt sich auch in der kicker-Rangliste nieder. Auf vielen Positionen fehlt dem deutschen Fußball Qualität, weswegen erneut kein DFB-Profi in der Weltklasse landet.

Kein deutscher Spieler in der Weltklasse

Die frischen WM-Eindrücke kamen natürlich ständig zur Sprache, als sich die kicker-Redakteure am vergangenen Donnerstag in Nürnberg trafen, um wie nach jeder Halbserie „ihre“ Rangliste des deutschen Fußballs zu erstellen. Die deutschen Nationalspieler waren da als – zum dritten Mal in Folge – größte Enttäuschung des WM-Turniers längst aus dem Rennen, und auch aus Sicht der Bundesliga wurde das Mammut-Turnier in Mexiko, Kanada und den USA zu einer ernüchternden Angelegenheit.

Im Finale war sie lediglich durch den Spanier Alejandro Grimaldo und den Argentinier Exequiel Palacios vertreten, und die beiden Angestellten von Bayer 04 Leverkusen spielten in ihren Teams auf dem Weg zum Endspiel auch nur eine untergeordnete Rolle als Ersatzspieler. Zum Vergleich: Als sich vor dreieinhalb Jahren Argentinien in Katar gegen Frankreich zum Weltmeister kürte, standen in den Kadern der beiden Endspiel-Gegner sechs Bundesliga-Profis, vier davon kamen im Finale auch zum Einsatz.

Dass sich das trostlose Abschneiden der DFB-Auswahl im Halbjahreszeugnis des kicker niederschlagen würde, versteht sich von selbst, zumal auffallend viele der 26 WM-Fahrer nicht nur beim Turnier, sondern auch in der gesamten Rückrunde ihrer Form hinterherliefen. Und so ist diese Rangliste vielmehr ein ungeschöntes Spiegelbild des Niedergangs. Als es um die Einstufung in die Weltklasse ging, in der wie im vergangenen Winter zwei Bundesliga-Legionäre Aufnahme fanden, wurde in der Redaktion kein einziges Wort über einen deutschen Spieler verloren.

Wirtz und Musiala weit von der Weltklasse entfernt

Auch nicht über Florian Wirtz und Jamal Musiala, die vor eineinhalb Jahren in der Winter-Rangliste 2024 als letzte deutsche Profis in die Weltklasse eingeteilt wurden – und sich diesmal gleich zwei Kategorien tiefer wiederfinden. Wirtz war bei seinem neuen Klub FC Liverpool auch in der Rückserie noch auf der Suche nach der alten Leverkusen-Form; Musiala fand nach seiner schweren Verletzung bei der Klub-WM vor einem Jahr noch nicht die Leichtigkeit früherer Tage.

Lediglich sechs der 26 WM-Fahrer qualifizierten sich aus Sicht der kicker-Redaktion mit ihren Leistungen in den vergangenen sieben Monaten für die Internationale Klasse, das ist schon eine besorgniserregende Bestandsaufnahme. Stattdessen sind in der zweithöchsten Kategorie sechs deutsche Profis vertreten, die vom zurückgetretenen Bundestrainer Julian Nagelsmann nicht beachtet wurden. Lediglich bei Serge Gnabry war dies verletzungsbedingt der Fall.

Sané und Woltemade nicht dabei

Andere wie beispielsweise die formstarken Innenverteidiger Matthias Ginter und Jeff Chabot oder auch die Torhüter Noah Atubolu und Jonas Urbig, der immerhin als Sparringspartner mit zur WM durfte, erschienen Nagelsmann nicht gut genug für eine Nominierung. Andererseits berief er beispielsweise in Leroy Sané von Galatasaray Istanbul und Nick Woltemade von Newcastle United zwei Offensivspieler in sein Aufgebot, deren Leistungen im ersten Halbjahr derart dürftig waren, dass sie gar nicht in der Rangliste berücksichtigt werden konnten.

Auch Maximilian Beier durfte mit zum Weltturnier, wenngleich der Dortmunder in seiner bisherigen Karriere noch nicht über die Nationale Klasse hinauskam. Das gilt übrigens auch für WM-Stammspieler Aleksandar Pavlovic, der nur um Haaresbreite überhaupt Aufnahme in der Rangliste fand. Die ist diesmal mit 101 Profis zahlenmäßig nahezu gleich wie im Winter (100), und auch die Zahl derer, denen mindestens internationales Niveau bescheinigt wurde, ist mit diesmal 25 nach 24 im Dezember nahezu identisch.

Diskrepanzen zwischen der Einschätzung von Nagelsmann und dem Urteil der kicker-Redaktion gibt es auch in anderen Bereichen. So wird die Rangliste nur auf zwei Positionen von deutschen Profis angeführt, die bei Nagelsmann aber nicht die entsprechende Verwendung fanden. So mühte sich in Joshua Kimmich der beste Sechser der Liga bekanntlich als eine Art hybrider Rechtsverteidiger vergeblich um Stabilität und Einfluss. Und der Mainzer Nadiem Amiri musste sich im offensiven Mittelfeld mit der Rolle als Gelegenheits-Joker und zwei Einwechslungen zufriedengeben.

Mangel an Qualität

Auf anderen Positionen – auch das unterstreicht die Rangliste zum wiederholten Mal – mangelt es im deutschen Fußball schlichtweg an Qualität. Das gilt weiterhin vor allem auf den defensiven Außenbahnen, wo die Rangliste von vier Legionären angeführt wird und die deutschen Vertreter um die WM-Fahrer David Raum und Nathaniel Brown allenfalls gehobenen Bundesliga-Schnitt verkörpern.

Immerhin: Der Blick in die Zukunft darf für den deutschen Fußball zumindest verhalten optimistisch stimmen. Von den 51 Profis in der Rangliste, die über einen deutschen Pass verfügen, sind immerhin zwölf 23 Jahre oder jünger. Dazu gehören die großen Hoffnungsträger Wirtz und Musiala ebenso wie der große Pechvogel Lennart Karl, der wegen eines Muskelbündelrisses im Oberschenkel das Turnier verpasst hatte.

Und dazu gehören auch diesmal nicht berücksichtigte Youngster wie Kölns Shooting-Star Said El Mala, Stuttgarts Abwehr-Hoffnung Finn Jeltsch oder Leipzigs Offensiv-Dribbler Brajan Gruda. Ein paar Möglichkeiten für personelle Veränderungen bieten sich dem designierten neuen Bundestrainer Jürgen Klopp daher schon, vorausgesetzt die Youngster machen nach der Sommerpause da weiter, wo sie in der vergangenen Saison aufgehört haben.

 

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