Für die ganz Großen braucht es keine großen Worte. Im Anschluss an den Nachruf kündigte der HSV am Montagabend an, dass er noch ein Tor von Kevin Keegan auf den vereinseigenen Kanälen posten und dann die öffentliche Kommunikation für diesen traurigen Tag komplett einstellen werde. Hamburg trauert still um eine der größten Vereinslegenden.
Der Weltstar verzauberte Hamburg mit Spaß, Toren und Tiefe
Liebesgeschichten gehen im Normalfall anders los. Aber Kevin Keegan war auch nicht normal, sondern ein besonderer Fall. In jeder Hinsicht. Er war 1977, ein Jahr vor Günter Netzer, zum HSV gekommen und unglücklich über sein erstes Jahr. Richtig unglücklich. Der spätere Erfolgs-Manager erinnert sich an die erste Begegnung: „Der hat mich noch nicht einmal gegrüßt, als ich zu ihm gekommen bin. Er sagte nur: ‚Damit du Bescheid weißt, ich will hier weg!‘ Das waren seine ersten Worte.“ Aber nicht die letzten. Ab 1978 ließ der Brite in der Hansestadt Taten sprechen lassen
Er zielte auf alles – einmal sogar auf Branko Zebec
Keegan und Hamburg, das war die vielzitierte Liebe auf den zweiten Blick. Dann aber wurde sie zur ganz großen Liebe. Netzer hatte herausgefiltert, dass der Mittelfeldstar von der Insel in Hamburg von den Mitspielern mit Neid und Missgunst begrüßt worden war und krempelte lieber den Kader um, anstatt den Superstar gehen zu lassen. Fortan wurde Keegan, der nur 1,70 Meter große Mittelfeldspieler zur großen Nummer, zur „Mighty Mouse“, der mächtigen Maus. Er steuerte 17 Tore zum Meistertitel 1979 bei, wurde 1978 und 1979 zu Europas Fußballer des Jahres gekürt.
Sein ehemaliger Teamkollege Horst Hrubesch sagte dem kicker einst voller Bewunderung: „Keiner war wie Kevin. Würde es ihn nicht geben, müsste man ihn erfinden. Er war der erste Popstar der Bundesliga.“ Und das sogar im Wortsinn. Mit Chris Norman von der britischen Band „Smokie“ hatte er in Hamburg die Single „Head over heels in love“ aufgenommen.“ Er und der HSV waren zwar nicht Hals über Kopf ineinander verliebt, aber mit Verzögerung entstand eine feste und tiefe Verbindung, die bis zu seinem Tod hielt.
Als Keegans Familie zu Beginn dieses Kalenderjahres dessen Krebserkrankung öffentlich machte, meldeten sich etliche frühere Weggefährten, sprachen ihm Mut zu, demonstrierten ihre Verbindung – und vor allem auch den Glauben an die Kämpfernatur. „Kev war als Spieler stets ein Kämpfer, er hat sich immer für die Mannschaft reingehauen und wird den Krebs besiegen“, sagte Felix Magath.
Bernd Wehmeyer erinnerte ebenfalls an Keegans außergewöhnliche Haltung. „Das Wort Belastungssteuerung gab es bei Kevin nicht. Er ist immer auf die 100 Prozent zugesteuert, in jedem Training. Diese Einstellung wird ihm auch jetzt helfen, den Krebs zu besiegen.“ Sie half ihm nicht. Keegan hat seinen schwersten Kampf nicht gewonnen. Und bleibt doch, weil er unzählige Erinnerungen geschaffen hat. Nicht nur mit Toren und Titeln, sondern auch mit Anekdoten.
Wehmeyer ist sicher, dass ein Grund für Keegans außerordentliche Beliebtheit die Bodenständigkeit war. „Er kam schon als Weltstar zu uns, aber ich habe nicht ein einziges Mal erlebt, dass er einen Autogrammwunsch ausgeschlagen hat.“ Hrubesch erinnert sich an das Verspielte in Keegan. „Er konnte nicht genug vom Fußball kriegen, hat immer irgendwelche Spiele erfunden. Auf dem Weg vom Trainingsplatz Richtung Kabine schossen wir Bälle durch alle sichtbaren Löcher im Zaun, dann in alle Mülltonnen auf dem Weg.“
Humorvollen Seite mit ungemeiner Tiefe
Einmal ist der Schuss beinahe nach hinten losgegangen. Beim Versuch, wieder auf irgendetwas zu zielen, erinnert sich Wehmeyer, hat Keegan, natürlich aus Versehen, den gestrengen Trainer Branko Zebec getroffen. „Der ist umgekippt wie eine Bahnschranke. Wir haben alle die Luft angehalten, hatten Angst vor der Reaktion. Aber Zebec ist aufgestanden und hat ihn nur streng angeschaut. Jeden anderen von uns hätte er wohl umgebracht.“
Keegan hat nicht nur den Trainer getroffen, er hat auch das damals noch wenig verbreitete Golfspielen gewissermaßen nach Hamburg gebracht. Vor Heimspielen hatte der HSV seinerzeit immer Quartier in Quickborn bezogen, und Wehmeyer sagt: „Hinter der Hotel-Terrasse lag ein See, dahinter ein Wald. Kevin sagte plötzlich zu uns: ‚Wetten wir, dass ich einen Ball über den See bis in den Wald schlagen kann?‘ Wir konnten uns überhaupt nichts hinter seiner Idee vorstellen, dann haute er aus dem Trainingslager ab, fuhr nach Hause, holte einen Golfschläger und schlug den Ball in den Wald.“
Zu der humorvollen Seite kam auch ungemeine Tiefe. Wehmeyer verrät, dass er Keegan 2014 davon erzählt habe, dass es seinem langjährigen und an Krebs erkrankten Wegbegleiter Hermann Rieger schlecht ergehe und der Kult-Masseur den großen Wunsch hätte, Keegan noch einmal zu sehen. „Kevin hat nicht eine Frage gestellt und sagte nur: Für Hermann komme ich sofort.“
Jetzt ist Keegan gegangen. Und der HSV nimmt still Abschied.
