Seit dem Wochenende ist klar: Trainer Adi Hütter kehrt zur Eintracht zurück. Als er die Hessen vor fünf Jahren verließ, geschah das mit allerlei Nebengeräuschen. Wie blickte er später auf diese Zeit zurück? Darüber sprach er 2023 ausführlich in einem kicker-Interview.
kicker-Interview im Jahr 2023
Das Interview erschien in der kicker-Ausgabe vom 3. April 2023. Zu dieser Zeit trainierte Adi Hütter keinen Verein, wenige Monate später heuerte er bei der AS Monaco an. Der Österreicher sprach reflektiert und selbstkritisch über seinen Abschied aus Frankfurt. Ein Auszug.
Herr Hütter, als durchsickerte, dass Sie in Gladbach unterschrieben, ging es hoch her. Dabei hatten Sie Ende Februar 2021 noch im TV-Studio bei Sky gesagt: „Ich bleibe.“
Das war ein Fehler. Für den Fan wirst du dann als Lügner hingestellt. Ich möchte aber klipp und klar betonen: Ich habe diese Aussage für den Verein getätigt, um für Ruhe zu sorgen. Es war ja auch nicht so, dass ich Frankfurt unbedingt verlassen wollte. Aber es gab immer mehr Ungewissheiten. Sportvorstand Fredi Bobic, Sportdirektor Bruno Hübner und der frühere Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Steubing waren meine wichtigsten Säulen im Verein – plötzlich brachen alle weg. Dann begann ich zu überlegen. Zumal ich auch nicht daran glaubte, dass wir die Mannschaft zusammenhalten können. Markus Krösche stand erst viel später als neuer Sportvorstand fest. Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn ich mich mit ihm damals schon hätte austauschen können. Aber das ist hypothetisch. Ich glaube auch, dass mir die Entscheidung noch viel schwerer gefallen wäre, wenn zu diesem Zeitpunkt die Fans im Stadion gewesen wären. Gladbach ist ebenfalls ein toller Verein, aber emotional spüre ich auch jetzt noch, dass ich extrem an Frankfurt hänge. Wenn ich mir die Spiele der Eintracht anschaue, bewegt sich etwas in mir. Das war eine unglaublich tolle Zeit.
Wie überzeugte Sie Max Eberl vom Wechsel?
Er sagte, dass Gladbach ständig um die ersten vier Plätze spielen will. Ich hatte das Gefühl, dass die Perspektive dort besser als in Frankfurt ist. Hinzukam, dass Max einer der erfahrensten Sportdirektoren im deutschsprachigen Raum ist. In Frankfurt befand ich mich zu dieser Zeit im luftleeren Raum. Ich musste mich irgendwann entscheiden und dachte strategisch. Bei aller Kritik darf man auch nicht vergessen, dass der Klub viel Ablöse bekommen hat (7,5 Millionen Euro; Anm. d. Red.). Zusammen mit der Ablöse für Niko Kovac sind das zehn Millionen Euro. Woanders werden die Trainer nach ihrer Entlassung ausbezahlt.
Viele Fans nahmen Ihnen krumm, dass Sie nach dem 0:4 in Gladbach etwas salopp davon sprachen, dass sich mit dem Wechsel für Sie lediglich „die Farben“ ändern.
Das war ein Riesenfehler, der mir leidtut. Nach dem Spiel war ich genervt und enttäuscht, deshalb ließ ich mich zu dieser emotionalen Aussage hinreißen. Ich verstand auch, dass die Mannschaft enttäuscht war. Viele konnten nicht nachvollziehen, wie man von Frankfurt nach Gladbach wechseln kann. Aber jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mit Herz und Seele Trainer von Eintracht Frankfurt war.
Wie hätten Sie die Situation besser lösen können?
In den ersten zwei, drei Wochen nach meiner Unterschrift war es noch ruhig. Dass das vor dem Spiel in Gladbach herauskam, war eine richtige Bombe und sehr schwierig. Ich wollte in Ruhe weiterarbeiten. Mein großes Ziel war es, mit der Eintracht die Champions League zu erreichen. Deshalb hätte ich klar sagen müssen: Jetzt nicht, jetzt liegt mein kompletter Fokus auf dieser Saison, in der wir eine Riesenchance haben, erstmals in der Vereinsgeschichte in die Champions League zu gelangen. Dann hätte ich immer noch entscheiden können, ob ich bleibe oder gehe.
Die Selbstkritik ehrt Sie. Aber wäre es überhaupt möglich gewesen, so lange zu warten? Die Klubs wollen auf der Trainerposition doch spätestens im März, April Klarheit für die neue Saison haben. Das macht die Ausgangslage kompliziert.
Wenn du mit Eintracht Frankfurt den 3. oder 4. Platz erreichst, bin ich ziemlich sicher, dass es Angebote gibt. Ich hätte die Saison erst fertig machen müssen. Das war ein Fehler.
Beim Europa-League-Halbfinale gegen West Ham saßen Sie auf der Tribüne, statt am Spielfeldrand zu stehen. Waren Sie neidisch auf Ihren Nachfolger?
Überhaupt nicht. Ich bekam eine Einladung von Axel Hellmann. Das war eine große Freude – wie auch das Gespräch mit Axel, mit dem ich schon im Vorfeld telefoniert hatte. Es war das Beste, was ich machen konnte, diese Einladung anzunehmen. Das war ein wichtiger Moment für mich, um auch einige Wogen zu glätten. Axel half mir bei einer Annäherung an die Fans.
Wie reagierten die Fans?
Ich lese immer nur von denen, die auf mich schimpfen. Ich verstehe die Enttäuschung nach meinem Wechsel. Aber ich merke auch, dass die Fans nicht vergessen, was geleistet wurde. Ich habe unnötige Fehler gemacht, aber nicht das Gefühl, dass jemand auf mich zeigt oder wegschaut, wenn ich in Frankfurt bin. Als ich mit Gladbach zum Spiel nach Frankfurt kam, rechnete ich mit einem Pfeifkonzert, aber es kam fast nichts. Neulich war ich beim Auswärtsspiel der Eintracht in München und vorher in der Innenstadt unterwegs. Da hatte ich viele schöne Begegnungen mit Frankfurter Fans, die gerne auch ein Foto mit mir machen wollten.
Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Als Trainer ist das schwer zu sagen. Wenn es mit der Premier League klappen sollte, wäre ich schon mal glücklich. Es wäre auch schön, eines Tages die österreichische Nationalmannschaft bei einer Welt- oder Europameisterschaft zu coachen. Nach meiner Karriere möchte ich einen Strich ziehen und sagen können, dass ich viel richtig gemacht habe. Als Österreicher schaust du immer auf die deutsche Bundesliga. Es macht mich stolz, dass ich dort bei zwei Traditionsvereinen gearbeitet habe.
Und: Wie ist aktuell Ihr Gefühl?
Bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich als Trainer bereits 400 Pflichtspiele absolviert, fünf Jahre war ich in der österreichischen 2. Liga. Dort kannte ich alles und jeden. Das half mir sehr, ebenso die Zeit bei Young Boys, einem Traditionsverein mit guter Fanbase. Dieses Rüstzeug gab mir die Kraft, um hier zu bestehen. Wenn du 50 Spiele machst und dann hier in die Bundesliga kommst, wäre das zum Scheitern verurteilt.
