Der zweite Zusammenbruch binnen weniger Tage warf viele Fragen rund um den Gesundheitszustand von Jamal Musiala auf. Demnach leidet der Bayern-Profi an sogenannten Absencen. Im kicker-Interview erklärt Epileptologie-Professor Dr. Christian Elger, was die Erkrankung für Musiala bedeutet und wie man sie behandeln kann.
Zum „Fall Musiala“
Der emeritierte Professor Dr. Christian Elger (76) arbeitet seit 50 Jahren auf dem Gebiet der Epileptologie und leitet derzeit in der Betaklinik in Bonn ebenso diesen Fachbereich. Im kicker-Interview nimmt er Stellung zu den Vorkommnissen rund um Jamal Musiala.
Herr Professor Dr. Elger, was kann man seriös zum „Fall Musiala“ sagen, ohne ins Spekulative abzudriften?
Die Information, die ich habe, ist, dass der Patient an Absence leidet. Und das schon eine gewisse Zeit.
Was genau sind Absencen?
Sie sind eine Sonderform der Epilepsie, eine ohnehin schon schwierig zu beschreibende Erkrankung, weil sie symptomdefiniert ist. Dafür wiederum gibt es ein riesiges Ursachengefüge, das im Einzelfall geklärt werden muss. Wenn wir, und das betone ich, davon ausgehen, dass es sich hier um Absencen handelt, dann steht er für eine Epilepsie, die genetisch basiert ist.
„90 Prozent der Patienten werden anfallsfrei.“ (Christian Elger)
Das heißt?
Das bedeutet, es gibt Veränderungen im Erbmaterial, die den Patienten dazu bringen, dass er epileptische Anfälle in Form kurzer Aussetzer produziert. Davon wiederum gibt es verschiedene Formen. Manche beginnen ganz früh in der Kindheit, manche im beginnenden Schulalter und enden mit der Pubertät. Und eine dritte Form beginnt mit elf, zwölf Jahren, zieht sich ins Erwachsenenalter und dann durchs ganze Leben. Diese Formen sind dadurch charakterisiert, dass sie sehr gut behandelbar sind. 90 Prozent der Patienten werden anfallsfrei.
Es gibt demnach auch schlecht oder schwierig behandelbare Formen. Worin unterscheiden diese sich?
Da geht es um die Medikamente. Die sind in zehn Prozent der Fälle schwierig zu definieren. Gleichzeitig muss man überlegen, ob wirklich die Absence-Epilepsie des Jugendalters zutrifft, oder ob es eine Epilepsie mit Absence-ähnlichen Phänomenen ist. Also das Phänomen Absence ist gegeben, aber die Epilepsie hat eine andere Ursache. Dann wäre eine tiefergehende Diagnostik angezeigt. Wichtig ist, dass die kognitive Leistungsfähigkeit bei der juvenilen Absence-Epilepsie nicht betroffen ist.
Gibt es denn einen Zeitpunkt, an dem man sagen kann, dass Musiala wieder spielen kann, ohne dass ich jemand Sorgen machen muss?
Wenn er anfallsfrei ist, und die Diagnose stimmt und zudem das EEG (Elektroenzephalographie, d. Red.) sauber ist, dann kann er spielen. Ich verweise immer gerne auf Julius Cäsar. Der hatte auch Epilepsie, ist nicht behandelt worden und hat viele Länder erobert. Heißt: Man kann alles machen, man ist leistungsfähig, es sei denn die Medikamente oder die Ursache beeinflussen die Situation ungünstig.
Darf man denn trotzdem als Laie überrascht sein, dass er drei Tage nach dem ersten Vorfall wieder auf dem Platz stand? Oder spielt das keine Rolle, weil man ohnehin nicht weiß, ob und wann etwas passiert?
Richtig, man weiß es nicht. Man kann Anfälle selbst mit modernsten Methoden nicht vorhersagen, das geht mit viel technischem Aufwand erst Sekunden, bevor sie beginnen. Ich kann mich im Detail nicht äußern, weil mir ja kein Arztbrief eines Kollegen vorliegt. Normalerweise sollte er spielen können. Eine Sache noch: Manchmal geht es um Elektrolytverschiebungen.
Das bedeutet?
Da gleichen wir frühzeitig den Elektrolytverlust aus, wenn Sportler stark schwitzen. Wenn man das macht, dürfte es eigentlich nicht während des Spiels zu Anfällen kommen, das wundert mich ein bisschen.
Kann man einen kausalen Zusammenhang zwischen einer neurologischen und einer mentalen Ebene herstellen, sprich: Kann man sich als Spieler gedanklich stärken, wappnen?
Nein, das geht nicht. Da gibt es bereits viele Untersuchungen. Kollegen haben sich damit viele Jahre beschäftigt, aber das wurde mangels Erfolgs wieder verworfen. Die medikamentöse Behandlung ist das A und O.
Es gibt immer eine medizinische, auch eine persönliche Verantwortung. Dennoch gibt es einen Trainer, der den Spieler eben aufstellt oder einwechselt. Also er trägt keine finale Verantwortung, aber trifft eine finale Entscheidung. Das ist eine komplexe Situation.
Ich weiß nicht, wer letztlich alles involviert ist. Ein Neurologe wird mit dabei sein. Es ist aber unangebracht und unfair, dem Trainer da irgendeine Form der Verantwortung anzulasten. Die Verantwortung liegt immer beim Arzt, der am Ende grünes Licht gibt oder nicht.
