DFB-Schiris: Kein Ecken-Check, „Kid’s mistake“ wird bestraft und ein Spagat beim VAR

Verantwortliche der DFB-Schiri GmbH und der Bundesliga-Gruppe sowie FIFA-Referee Daniel Siebert haben auf die neue Saison eingestimmt. Mit klaren Lehren aus der WM, einer angekündigten Zurückhaltung und einem Spagat beim VAR sowie einer erfreulichen Zahl von der Basis.

Weiter Kampf gegen Unsportlichkeiten

Die DFB-Schiri GmbH als Dienstleister der Bundesliga-Gruppe hat „nach den Eindrücken der WM folgende Grundsätze“ definiert in Bezug auf die Regeländerungen und Auslegungsvorgaben für die kommende Saison: „Wir schützen das Image des Fußballs! Wir schützen die Gesundheit der Spieler! Wir ahnden Unsportlichkeiten konsequent: Die Kapitänsregelung hat weiter Bestand! Wir fördern schnelle Spielfortsetzungen.“

Das mit dem Zuwachs an Spielfluss hatte bei der WM bereits gut funktioniert; durch die Countdowns bei Abstößen und Einwürfen sowie das 10-Sekunden-Limit bei Auswechslungen (sonst mindestens eine Minute Pause für den Einwechselspieler bis zur nächsten Unterbrechung) und die einminütige Pause für Spieler nach Verletzungsunterbrechungen.

„Die zehn Sekunden klingen auf den ersten Blick wenig, aber ein per Anzeigetafel ausgewechselter Spieler kann überall, auch an der Eckfahne, das Spielfeld verlassen und muss nicht zur Mittellinie laufen. Daher ist es für alle Spieler zu schaffen, innerhalb von zehn Sekunden den Spielerwechsel durchzuführen“, erklärte FIFA-Schiri Daniel Siebert und machte auf die möglicherweise größere Konsequenz aufmerksam: „Bei einem Verstoß muss der Einwechselspieler mindestens eine Minute warten. Wenn dann aber das Spiel flüssig läuft und es keine Unterbrechung gibt, kann daraus auch mal mehr Wartezeit werden. Das sollten die Spieler im Hinterkopf haben. Nach Verletzungsunterbrechungen darf der Spieler hingegen nach einer Minute auch ohne Unterbrechung wieder aufs Feld.

Kapitänsregel soll im deutschen Profifußball weiter zur Anwendung kommen

Die Kapitänsregel war bei der WM überraschenderweise nicht konsequent zur Anwendung gekommen. Das soll im deutschen Profifußball nicht passieren. „Die Ahndung von Unsportlichkeiten ist für uns als Liga ein wichtiger Punkt“, sagte Benjamin Schmedes, seit diesem Sommer neuer Direktor Sport bei der Bundesliga-Gruppe.

Im Zuge der schon länger bekannten Regeländerungen und Regeloptionen musste die Bundesliga noch eine Frage klären: Darf der VAR wie bei der WM eine falsche Eckstoß-Entscheidung per schnellem Funkspruch an den Schiri korrigieren?

Der Antwort ist inzwischen klar: In der 1. und 2. Bundesliga wird diese Option nicht ins VAR-Protokoll übernommen. Dazu passt, dass sich die DFB-Verantwortlichen generell mehr Zurückhaltung des VAR wünschen und den Feld-Schiedsrichter und dessen Entscheidungshoheit weiterhin mehr in den Vordergrund rücken möchte. Die unter Schiri-Chef Knut Kircher ab 2024 wieder verstärkt eingeforderte hohe VAR-Eingriffsschwelle soll im Einklang mit den Entscheidern der Bundesliga-Organisation Bestand haben und eher noch höher gesetzt werden.

„Es wird mehr Situationen geben, über die wir im Fußball leidenschaftlich diskutieren können“, sagte der VAR-Verantwortliche Jochen Drees und warb vorab für mehr Verständnis in der Öffentlichkeit, dass im Zweifel ein potenzieller VAR-Eingriff eher ausbleiben wird.

Der DFB vollzieht beim Thema VAR allerdings auch eine Art Spagat. Einerseits verzichtet er auf den Ecken-Check und propagiert eine allgemein hohe Eingriffsschwelle, andererseits werden drei weitere Erweiterungsoptionen für das VAR-Protokoll auch in der Bundesliga angewendet.

Klar falsche zweite Gelbe Karte: WM-Fall Embolo soll es nicht geben

Eine Gelb-Rote Karte kann bei einer klar falschen zweiten Verwarnung künftig per Video-Hilfe korrigiert werden. Der Bereich Spielerverwechslung wird auch auf die gegnerische Mannschaft erweitert. Allerdings mit einem Unterschied zur WM. Im UEFA- und DFB-Bereich darf lediglich die Verwechslung des „Täters“ vom VAR korrigiert werden und nicht die Verwechslung des Vergehens. Eine Umwandlung einer Gelben Karte für ein angebliches Foul in eine Gelbe Karte für Schwalbe des Gegners – wie es beim WM-Spiel Argentinien gegen Schweiz beim Breel Embolos Platzverweis passiert – soll es demnach nicht geben.

Wie bei der WM darf der VAR zudem künftig auch in diesen Fällen eingreifen: Wenn ein Vergehen vor der Ausführung eines Eckstoßes oder Freistoßes passiert ist, das eine „direkte Auswirkung auf Tor, Strafstoß oder persönliche Strafe“ hat. Letzte Saison waren da dem VAR noch die Hände gebunden, wenn etwa ein Angreifer ein Stürmerfoul kurz vor der Ausführung einer Ecke begangen hatte, mit Einfluss auf ein kurz darauf erzieltes Tor. Freiburgs Trainer Julian Schuster hatte unter anderem diese Eingriffsmöglichkeit gefordert. Der SC hatte etwa im Saisonfinale 2024/25 beim 1:3 gegen Frankfurt ein nicht geahndetes Stürmerfoul kurz vor Ausführung eines Eintracht-Freistoßes beklagt – in der Folge war ein Frankfurter Tor gefallen.

Bei den leidenschaftlichen Diskussionen im Nachgang einiger Spiele hatte Schiri-Chef Knut Kircher, der aktuell die beiden Schiris Florian Exner und Harm Osmers bei der Kooperation mit der J-League in Japan begleitet, in seiner Saison-Bilanz 2025/26 „eine bedenkliche Verschärfung des Tons gegenüber den Schiedsrichtern durch manche Klubvertreter und Spieler“ beklagt.

Bundesliga-Sportdirektor Schmedes will diesem Verhalten auch im Austausch mit den Klubs entgegenwirken. „Wir alle wollen ein emotionales Spiel. Aber es wird zum Problem, wenn die Schwelle zur Respektlosigkeit überschritten. Da haben wir uns alle einem klaren Wertekodex verschrieben und wollen dagegen vorgehen.“

Diese Vorsätze gab es schon oft – und wurden dann in der Hitze des Wettkampf-Gefechts bei gefühlter Benachteiligung von Klub-Protagonisten schnell über Bord geworfen. Man darf gespannt sein, wie es künftig laufen wird.

„Kid’s mistake“ beim Abstoß wird mit Elfer geahndet

Klarheit für gibt es derweil für einen Fall beim Abstoß, der selten vorkommt, durch die Nichtahndung und den Kommentar „Kid’s mistake“ von FIFA-Schiri Glenn Nyberg beim Champions-League-Viertelfinale 2024 des FC Bayern beim FC Arsenal allerdings berühmt geworden war.

„Wenn der Ball im Torraum liegt und von einem Spieler dieser Mannschaft mit dem Fuß berührt wird, ist der Ball korrekt im Spiel“, heißt es in der DFB-Klarstellung: „Wenn der Ball vom Torhüter mit dem Fuß berührt wird und ein Mitspieler des Torhüters berührt den Ball absichtlich mit der Hand/dem Arm innerhalb des eigenen Strafraums, verhängt der Schiedsrichter einen Strafstoß.“

Durch die neuen Maßnahmen gegen das Zeitspiel ergibt sich eine Änderung bei der Erfassung der Mindestnachspielzeit. Jeder Auswechselvorgang wird künftig mit Blick auf die neue Regel pauschal mit zehn Sekunden (zuvor 30 Sekunden) erfasst, bei Torerzielung bleibt es bei pauschal 30 Sekunden (Ausnahmen möglich). Alle weitere Unterbrechungen (VAR-Eingriffe, Verletzungen usw.) werden weiterhin in Echtzeit vom VAR-Assistent dokumentiert und kurz vor Ende jeder Hälfte an den Schiri durchgefunkt.

Steigende Zahlen an der Schiedsrichter-Basis

Abschließend berichtete Schiri-Sprecher Alex Feuerherdt noch von einer erfreulichen Entwicklung an der Basis. Nach Jahren des Rückgangs gebe es wieder steigende Schiedsrichter-Zahlen. Mit Ende der Saison 2025/26 seien 63.322 im DFB-Bereich aktiv gewesen. Feuerherdt führt dies auch auf einen positiven Image-Wandel der Schiri-Rolle im Profibereich zurück. Dazu trage eine in den europäischen Top-Ligen einzigartige Ausprägung der Transparenz bei, die sich etwa in der hohen Interviewbereitschaft der Referees und den häufigen Einblicken per Ref-Cam äußere.

Den positiven Trend gilt es nun fortzusetzen. Mit der konsequenten Umsetzung der neuen Schiri-Grundsätze auf dem Platz – und eingehaltenen Respekt-Regeln bei den Klub-Protagonisten.

 

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