Das erste Trainingslager des FC Bayern am Tegernsee ist vorbei. Was auffiel und wo Luft nach oben besteht.
99 Tore gegen Rottach-Egern – Teenager dürfen wirbeln
Aus dem Trainingslager des FC Bayern am Tegernsee berichtet Mario Krischel
Ein bisschen Nostalgie dürfte auch für Vincent Kompany eine Rolle gespielt haben, als er seine Mannschaft am Donnerstagabend zum Testspiel gegen den FC Rottach-Egern aufs Feld schickte. Genau zwei Jahre ist es her, dass der heutige Erfolgstrainer an Ort und Stelle gegen den Kreisklassenklub seinen Einstand beim FC Bayern gab.
Drei große Titel und mehr als 300 Pflichtspieltore später ist beim Belgier ein Oberlippenbart hinzugekommen, ansonsten hat sich wenig verändert, vor allem nicht an der Motivation. Jonathan Tah jedenfalls hat „sofort gefühlt, dass die Energie gut ist“, als er mit einem Tag Verspätung im Trainingslager am Tegernsee aufgeschlagen war. „Das macht einfach Spaß.“
Die deutschen Nationalspieler durften nach der WM noch etwas länger durchschnaufen als diejenigen, die nicht zur WM gereist waren. Tah selbst jedoch habe ziemlich schnell gespürt, dass es wieder losgehen kann mit Vereinsfußball. „Jetzt reicht’s mit Urlaub“, habe er sich gedacht. „Ich habe wieder Bock, zur Mannschaft zu stoßen und Gas zu geben. Und ich habe das Gefühl, dass alle, die jetzt auch wieder neu dazugekommen sind, genau das Gleiche spüren.“
Neu dazugekommen ist fürs Erste streng genommen nur Nathaniel Brown, der einen aufgeweckten Eindruck hinterließ und lediglich mit der Wahl seiner Rückennummer überraschte. Ansonsten durfte sich vor allem rund ein Dutzend Youngster beweisen und um weitere Chancen in der Vorbereitung kämpfen. Dazu zählten Jungs wie der 17-jährige Maycon Cardozo, der 17-jährige Cassiano Kiala, der 17-jährige Wisdom Mike oder der 16-jährige Filip Pavic, die allesamt in der Vorsaison bei den Profis debütiert hatten. Dazu gehörten aber auch neue Gesichter wie der 16-jährige Stürmer Bastian Assomo, der beim 15:0 gegen Rottach-Egern ebenso zu den Torschützen gehörte wie der 16-jährige Schienenspieler Skender Nuraj.
„Nicht jeder schafft es, beim großen FC Bayern zu spielen.“ (Kompany über die Talente)
An talentierten Nachwuchsleuten mangelt es dem FC Bayern schon lange nicht mehr, inzwischen kommen sie allerdings auch regelmäßig zum Zug. Froh sind darüber vor allem die Vereinsbosse, die den eigenen Campus fördern wollen und längst die Früchte ernten. Allein für Noel Aseko nahm der Rekordmeister in diesem Sommer zwölf Millionen Euro ein, obwohl der Mittelfeldspieler nicht eine Minute für die Bayern-Profis auf dem Feld stand. Auch das gehört zur Strategie. „Nicht jeder schafft es, beim großen FC Bayern zu spielen“, weiß Trainer Kompany. „Aber es kann auch passieren, dass einer sich zeigt. Das wäre super für uns.“
Die nötige Power legte der Trainer dafür höchstpersönlich an den Tag. Immer wieder mischte er sich während der Einheiten lautstark ein, verteilte Kommandos oder wenn nötig auch Kritik. „Wake up“, hörte man dann hin und wieder, gelegentlich schaute Kompany auch augenrollend gen Himmel. Und um die Abwehr in Form zu bringen, schickte er Tah und Co. am Mittwoch sogar auf den Nebenplatz und lehrte im Viererkettentraining das richtige Verschieben und Vorstechen. Im Großen und Ganzen durfte Kompany mit der Einstellung seiner Truppe zufrieden sein, auch angesichts der hohen Temperaturen.
Die Tradition am Tegernsee besteht – Am Samstag geht’s nach Asien
Klar ist jedoch auch, dass nicht jeder Spieler das Niveau mitbringt, den Bayern in dieser Saison den ersehnten Triple-Traum zu erfüllen. Dass Sacha Boey, Joao Palhinha und Bryan Zaragoza abgegeben werden sollen, weiß inzwischen jeder, Max Eberl hätte es offensiver kaum formulieren können. Auch Rückkehrer wie Armindo Sieb dürften es schwer haben. Arijon Ibrahimovic soll als Backup von Luis Diaz fungieren, muss sich dafür aber ranhalten.
99 Tore sind es nun nach fünf Spielen gegen die Lokalmatadoren aus Rottach-Egern, von Bedeutung ist das für die Bayern nicht. Beim traditionellen Test geht es vielmehr um die von Uli Hoeneß gewünschte Nähe zur bayerischen Heimat. Leidtun konnten einem die Kreisklassen-Kicker zwischendurch trotzdem. „Ich lieb‘ euch Balljungen“, sagte der Torhüter zum Beispiel nach 15 Minuten, „aber heut‘ ist echt ein bisschen fix.“ Sollte heißen: Lasst euch Zeit, wir brauchen jede Minute zum Durchschnaufen.
Durchschnaufen dürfen die Bayern nun genau einen Tag, schon am Samstag geht es weiter ins zweite Trainingslager nach Südkorea und Hongkong, wo ebenfalls hohe Temperaturen und eine deutlich höhere Luftfeuchtigkeit warten. Und die nächsten Chancen für zahlreiche Talente.
