Die letzten Tage beim SV Werder waren turbulent: Verletzungen, das deutliche 1:4 in Freiburg zum Bundesliga-Start und finale Deals am Deadline Day. Wie ist es nun um Bremen bestellt? Dieser Frage ging dieses Mal Trainer Daniel Thioune nach.
Bayer-Leihgabe Arthur darf direkt starten
Jens Stage als fixer Ankerpunkt und zugleich wichtiger Torschütze des Teams seit Jahren – monatelang weggebrochen. Justin Njinmah als pfeilschneller Flügelstürmer – monatelang weggebrochen. Dazu die Abgänge von Kreativmann Romano Schmid (zwölf Scorerpunkte in der Vorsaison) zu Frosinone Calcio und Flügelspieler Samuel Mbangula (sieben Scorerpunkte) via Leihe zum FC Bologna. Allein im Angriff tut sich somit direkt der Eindruck auf, Werder Bremen habe mächtig an Torgefahr eingebüßt.
„Die letzten Tage waren für uns nicht ganz einfach“, hatte Boss Clemens Fritz zu alledem bereits am Montag auf einer extra einberufenen Pressekonferenz gesagt. An diesem Donnerstag im Vorfeld des Bundesliga-Heimspiels gegen RB Leipzig (Samstag, 15.30 Uhr, LIVE! bei kicker) legte nun Daniel Thioune nach. Der Trainer ordnete den schwachen Auftritt in Freiburg (1:4) und die jüngsten Tage offen ein.
Thioune appelliert an die Kritiker
Und stellte direkt mal klar: „Ich bin ein zuversichtlicher Mensch. Der Kader ist zufriedenstellend und ausgewogen und für unsere Ziele, die wir uns gesteckt haben, passend – so schnell wie möglich die 40 Punkte zu erreichen.“ Auch wenn der 52-Jährige direkt ergänzte: „Dass der Kader erst so spät besteht, ist vielleicht nicht ganz so optimal. Aber das birgt die Chance, daraus etwas zu entwickeln. Wir haben am Ende Transfers von jungen, ambitionierten Spielern vorgenommen. Ich bin deswegen zufrieden mit der Zusammenstellung, auch wenn man sich als Trainer immer maximale Qualität als auch Quantität wünscht.“
Gerade das offensive Spektrum wollte Thioune nicht angezählt wissen: „Wir können gern von vorn nach hinten gehen … Wenn man in Niclas Füllkrug einen ehemaligen Nationalspieler und in Cedric Itten einen WM-Fahrer bekommt, dann sind wir ganz gut aufgestellt. So etwas auf der Neunerposition hatten wir die letzten Jahre nicht.“ Zudem rechne er sich auch vom zweiten Rückkehrer – Eren Dinkci – viel Betrieb vor des Gegners Kasten aus. Mit dem neuen Mittelfeld – „momentan ist hier nur Senne (Lynen; Anm. d. Red.) geblieben“ – habe man aus seiner Sicht zudem eine große Entwicklungschance geschaffen. „Man darf deswegen viel erwarten, viel verlangen, muss aber dem Team auch eben diese Chance erst einmal geben.“
Und doch: Ist der Kader der Werderaner aktuell nun stärker oder schwächer als vergangene Saison – auch weil neben den frischen Zugängen im Lazarett gegen RBL auch Mannen wie Mitchell Weiser, Felix Agu und Keke Topp weiter passen müssen? Eine klare Antwort vermied Thioune diesbezüglich: „Das werden wir sehen. Es wird Zeit brauchen, um das zu sehen. Mir fällt es ohnehin schwer, Vergleiche anzustellen.“
Eines findet Thioune „richtig cool“
Dass es seit vergangener Woche um Punkte und damit stets auch um schnelle Erfolge geht, sei dem Coach in Verbindung mit den vielen kritischen und warnenden Tönen aus dem Umfeld und aus Fankreisen dabei bewusst. Deswegen habe man zuletzt zwei Tage unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert, um direkt Abläufe herauszuarbeiten, sich einzuspielen und das Gefühl von Einheit zu verstärken. Thioune selbst habe sich deswegen, „was eher ungewöhnlich für mich ist“, bereits Anfang der Woche auf seine Startformation festgelegt. Warum? „Weil wir diese Zeit momentan nicht haben, einfach auch jedem die Chance geben zu können.“
„Niemand war glücklich mit dem Spiel in Freiburg, aber jeder war fehlertolerant.“ (Daniel Thioune)
So dürfte, das machte der Trainer klar, etwa der aus Leverkusen ausgeliehene Arthur direkt als Rechtsverteidiger auflaufen und damit den 18-jährigen gelernten Innenverteidiger Mick Schmetgens ersetzen. Auch wenn Thioune den Jungspund mit dieser frühen Festlegung pro Arthur nicht vor den Bus werfen wollte: „Er hat es gut gemacht, wie er es gut machen kann.“ Die Bayer-Leihgabe sei nur einfach ein offensiver ausgerichteter Akteur in einer Viererkette und jemand, der sofort helfen kann aus seiner Sicht.
Dabei helfen, nach der Abreibung im Breisgau gegen einen starken Champions-League-Teilnehmer direkt eine Art Kehrwende zu schaffen. „Niemand war glücklich mit dem Spiel in Freiburg, aber jeder war fehlertolerant“, holte Thioune deswegen nochmals aus. „Wir haben eine sehr intensive Aufarbeitung vorgenommen.“ Das zeige ihm, dass das Team lebt und sich kurz- wie langfristig verbessern will. „Die Jungs fordern ein, sie wollen immer mehr … Das ist richtig cool. Deswegen kriegt die Truppe auch all die Energie, die ich habe. Ich weiß aber um die kritische Stimmung, die ich im Moment mit Leistung nicht widerlegen kann. Ich kann aber sagen, dass wir bereit sind, gehen zu wollen, Strecke machen zu wollen und Ziele zu erreichen.“ Das, da wiederholte sich Thioune, benötige jedoch „Zeit und Geduld“.
Eine weitere Saison etwa mit Abstiegskampf rechne sich der Trainer übrigens nicht aus: „Ich sehe es als Mega-Privileg, hier Trainer zu sein. Ich bin aber auch Fußballer, der Spiele gewinnen will. Das ist mir jetzt nicht ganz so oft vergönnt gewesen … Ich könnte deswegen jetzt klagen, was auf dem Transfermarkt ging oder was nicht ging, was wir hätten machen können oder nicht. Ich bleibe am Ende aber in meinem Einflussbereich. Und hier hab ich jeden Tag die Chance, die Mannschaft und jeden einzelnen Spieler besser zu machen. Werde ich das alleine schaffen? Definitiv nicht. Aber ich habe ein tolles Team um mich herum, niemand hier ist arbeitsmüde – ein 1:4 in Freiburg wird uns deswegen nicht aus der Bahn werfen.“
„Angst kann ein Hemmer sein, aber …“
Als Leitwolf gehe der Coach deswegen voran: „Ich hab einfach diese Energie, die wird auch unabhängig vom Ergebnis gegen Leipzig ungebrochen sein. Wenn man nicht zu den Top-Vereinen der Liga gehört, sondern aus einer schwierigen Saison und jetzt erst vor dem 2. Spieltag als Team komplett zusammen ist, dann muss man das so hinnehmen. Das kann ich gerade ganz gut, auch wenn ich mir einige Dinge anders gewünscht hätte. Das ist aber kein Wunschkonzert – willkommen im Leben. Wir haben sehr, sehr viel Qualität abgegeben. Es hilft aber nicht, wenn ich jetzt ständig darüber rede, wie sehr wir Jens vermissen und wie viel uns Romano immer gegeben hat. Angst kann ein Hemmer sein. Angst kann aber auch dazu führen, dass man mal Grenzen verschiebt und proaktiv das angeht, wenn einem mal bange ist.“ Das habe man vor und wolle vor dem Leipzig-Spiel „nicht nur Probleme aufzeigen und sich verstecken“.
