Gegen Augsburg erlaubt sich Bayer in der Liga den womöglich entscheidenden Ausrutscher, im Pokal fehlt ein Schritt bis ins Finale. Manager Simon Rolfes übt Kritik, fordert Klarheit, möchte aber nicht über Konsequenzen sprechen.
Bayer nach Liga-Rückschlag und vor Pokal-Halbfinale
Es waren Zahlen, die nur auf den ersten Blick schmeichelhaft waren: 35 Torschüsse hatte Bayer 04 am Samstag gegen den FC Augsburg abgefeuert, von denen allerdings nur zehn auch auf den Kasten des überragenden FCA-Keeper Finn Dahmen gingen – und die dennoch locker hätten ausreichen müssen, um einen klaren Sieg einzufahren.
Dementsprechend ernüchtert zeigte sich auch Kasper Hjulmand nach der 1:2-Niederlage. So sprach der Trainer von einem „verrückten Spiel. Wir haben mit so viel Dominanz gespielt, hatten sehr viele Großchancen. Es ist für mich frustrierend und für unsere Mannschaft. Dass wir nicht mehr Tore geschossen haben, ist brutal.“ Und mit Blick auf den 6:3-Sieg gegen Wolfsburg im vorangegangenen Heimspiel fügte er an: „Letztes Mal, als wir hier gespielt haben, haben wir sechs Tore gemacht, aber heute hatten wir mehr Torchancen.“
Rolfes bemängelt fehlende Präzision und Klarheit
Den Chancenwucher als Ursache für den verschenkten Sieg ausmachen, lag natürlich auf der Hand. Und auch Simon Rolfes konnte in den Katakomben nach dem Schlusspfiff nichts anderes machen, als diese banale Erkenntnis zu formulieren. „Wenn man so viele Chancen hat, muss man auch Tore schießen“, sagte Rolfes, dem die Einfachheit der Aussage fast schon unangenehm erschien, so dass er nachschob: „Zum Glück gibt es hier ja kein Phrasenschwein, aber du musst natürlich deine Chancen schon nutzen, um ein Spiel zu gewinnen.“
Mit der Spielweise der Mannschaft war Rolfes einverstanden, weil diese auch „teilweise gegen einen defensiven Block“ Chancen kreiert hatte. „Aber du musst sie nutzen, mit Präzision und Klarheit abschließen.“ Die Gegentreffer („Dass es dann Situationen geben kann nach Eckball oder Kontern, die auch noch mal für den Gegner gefährlich werden, ist klar“) wollte er deshalb nicht in den Vordergrund rücken.
Kein Sieg trotz 35 Torschüssen – diese Bilanz ist in der Liga einmalig
In der Tat war der Leverkusener Schuss- und Chancenwucher ein historischer. Stellten die 35 Abschlüsse doch einen neuen Bundesliga-Rekord dar – nämlich für den am Samstag eingetreten Fall, dass sie nicht zum einem Sieg ausreichten. Seit Beginn der Datenerfassung in der Saison 2013/14 waren bislang 34 Torschüsse, nach denen eine Mannschaft ihr Spiel nicht gewann, als Höchstwert notiert. Bayer löste so am Samstag die Eintracht aus Frankfurt ab, die sowohl in der Saison 2019/20 am 28. Spieltag gegen Freiburg (3:3) als auch am 15. Spieltag der Spielzeit 2024/25 gegen Mainz (1:3) trotz jeweils 34 Torschüssen keine drei Punkte holte.
Bayer hat es verpasst, ein klar überlegen geführtes Spiel in die richtige Richtung zu drücken. Und gerade das kritisierte Rolfes, als er auf den Intensitätsabfall nach dem frühen Führungstreffer angesprochen wurde, als die Gastgeber Augsburg nach anfänglichem hohen Pressing wieder Luft und Raum zur Entfaltung gewährten und zurück ins Spiel holten.
Das Phänomen Passivität bekommt Hjulmand nicht in den Griff
Es gehe in solchen Phase darum „dranzubleiben. Wir haben uns ein bisschen zurückgezogen. Da auf dem Gaspedal zu bleiben, draufzugehen, den Gegner unter Druck zu setzen und nicht zu sagen, okay, jetzt werden wir ein bisschen passiver“, sei der entscheidende Punkt. „Das war mit Sicherheit eine Phase, wenn du länger 1:0 führst, dominierst, sie laufen lässt, dann glaube ich nicht“, kritisiert Rolfes, „dass wir uns das noch nehmen lassen.“
Doch dieses in der laufenden Saison immer wieder auftretende Phänomen hat Bayer unter Hjulmand in dieser Saison bislang nicht in den Griff bekommen, wodurch der Werksklub selbst gegen grundsätzlich unterlegene Gegner wiederholt in Bedrängnis gekommen ist und Punkte verspielt hat.
Die Lage hat sich verschlechtert statt sich entscheidend zu verbessern
Die bereits 19 Zähler, die Bayer 04 gegen die Mannschaften unterhalb von Rang 8 bislang verspielte, sind Rolfes ein Dorn im Auge. „Wir haben zu viele Punkte liegen lassen gegen diese Mannschaften. Das sind nicht immer die spektakulären Siege, aber am Ende die wichtigen in einer Saison, um oben zu sein.“ Und dort steht Bayer 04 als aktueller Tabellensechster eben nicht.
Gelingt dem VfB Stuttgart am späten Sonntagnachmittag ein Coup in München, würde der Rückstand auf Rang 4 bereits auf sieben Punkte anwachsen. Der auf den Dritten aus Leipzig hat bereits diese Dimension erreicht. Die eigentlich gedachte Chance, an dem aktuellen Spieltag als großer Gewinner dazustehen, der dann aufgrund der direkten Duelle gegen Leipzig und in Stuttgart die Qualifikation für die Königsklasse in der eigenen Hand gehabt hätte, wurde her geschenkt.
Rolfes setzt auf Faktor Psychologie, an dem Bayer aber selbst immer wieder scheitert
Rolfes weiß, dass Bayer nun bedingungslos liefern muss und nur noch hoffen kann. „Wir haben uns letzte Woche (durch den 1:0-Sieg in Dortmund, Anm. d. Red.) in eine gute Position gebracht, jetzt wieder in eine schlechtere“, sagt der 44-Jährige und fordert: „Wir müssen den Druck hochhalten, das haben wir heute nicht geschafft.“
So setzt Rolfes im Endspurt weiter auf den Faktor „Psychologie“ bei der Konkurrenz. Doch was hilft der, wenn die eigene Mannschaft diesen nicht befeuern kann und vielmehr selbst auf dieser Ebene immer wieder strauchelt?
„Der Pokal ist keine Rettung, sondern eine große Chance für diesen Verein.“ (Simon Rolfes)
Was mit Blick auf die neue Saison die Konsequenzen aus dieser nicht zufriedenstellenden Inkonstanz in den Leistungen und der daraus folgenden zu geringen Ausbeute sind, wollte Rolfes vor dem Halbfinal-Spiel im DFB-Pokal am Mittwoch gegen Bayern München und den anstehenden Endspielen in der Liga nicht eingehen.
Könnte vor dem Saisonfinale das Spannungsfeld doch kaum größer sein. In der Liga droht Bayer sein wichtigstes Saisonziel, das Erreichen der Champions League, zu verpassen, im Pokal fehlt noch ein Schritt zum Finale. Doch vom Ansatz, den nationalen Cup als Möglichkeit zu sehen, die Saison zu retten, hält Rolfes nichts. „Nein, es ist nicht eine Rettung“, betont der Ex-Profi, „das ist eine große Möglichkeit für diesen Verein, wieder ins Pokalfinale einzuziehen und auch einen Titel zu holen.“
„Konsequenzen? Das kommt irgendwann mal später. Wir leben im Hier und Jetzt.“ (Simon Rolfes)
Und so verwehrt er den Ausblick auf die Zeit danach. „Jetzt ist erst mal diese Saison in zwei Wettbewerben nicht zu Ende. Und von daher ist der Fokus jetzt erst mal zu sehen, dass wir in dieser Konstellation mit den Spielern die optimalen Ergebnisse erzielen“, betont der Geschäftsführer, „das andere kommt alles irgendwann mal später, aber wir leben heute im Hier und Jetzt.“
Weil man der Saison aus Bayer-Sicht noch zu einem Happy End verhelfen möchte – und nicht, weil es nicht genug zu hinterfragen und verändern gäbe. Doch dafür, darüber zu sprechen, ist zumindest nach außen hin die Zeit noch nicht gekommen.
