Wieder einen Rückstand aufgeholt, erneut dank guter Joker, auch insgesamt steht der SC Freiburg ordentlich bis gut da. Aber beim 2:2 in Augsburg offenbarte sich ein grundsätzliches Defizit, das Matthias Ginter nicht zum ersten Mal klar ansprach.
Joker und Standards retten Freiburg mal wieder
An diesem Montag feiert Matthias Ginter seinen 32. Geburtstag. Mit 502 Vereinspflichtspielen als Profi sowie 51 A-Länderspielen ist der Innenverteidiger der mit Abstand erfahrenste Akteur im Freiburger Kader. Entsprechende Substanz haben Analysen und Kommentare des Weltmeisters von 2014, auch, wenn er sie seinem Naturell entsprechend stets in ruhigem Ton vorträgt.
Nach dem 2:2 in Augsburg am Sonntag standen für Ginter weder die Freude über den erneut aufgeholten Rückstand dank wieder einmal guter Joker und Standards im Vordergrund, noch der Ärger über die beiden Gegentore – ähnlich wie beim 0:2 in Leipzig per Doppelschlag – oder die Enttäuschung über den aberkannten potenziellen Siegtreffer von Igor Matanovic (Ball knapp im Toraus).
Was hinter der offensiven Harmlosigkeit steckt
Der Abwehrchef sprach vielmehr ein Defizit der Mannschaft von Julian Schuster an, das mal mehr und mal weniger stark ausgeprägt ist und unterschiedlich stark ins Gewicht fällt, den SC aber schon länger begleitet. „Ich habe es die letzten Jahre schon öfter gesagt: Das Spiel mit Ball ist unser großes Thema. Das haben wir in Augsburg vor allem in der ersten Hälfte gesehen, aber mehr oder weniger im ganzen Spiel, unsere Tore haben wir ja nach Standards gemacht. Daran müssen wir weiter arbeiten“, sagte Ginter.
Der Abwehrchef meint damit vor allem das eigene Spiel in der gegnerischen Hälfte, besonders im offensiven Drittel. Da brachte der SC nämlich bei Kellerkind Augsburg lange nichts Gefährliches zustande. Ein früher Distanzschuss von Vincenzo Grifo nach einem langen Ball von Ginter und kurzer Kombination über Matanovic und Lucas Höler – das war’s bis zum Pausenpfiff in Sachen Freiburger Torannäherung.
Gar keine Torchance in Leipzig
Eine sehr schwache Ausbeute für den Europa-League-Teilnehmer. Und das nicht zum ersten Mal. Die 0:2-Niederlage in Leipzig vom Mittwoch nach zuvor fünf Siegen aus sieben Pflichtspielen war zwar keine Überraschung, weil der gegen die sportlichen und wirtschaftlichen Schwergewichte der Liga seit Jahren wenig Land sieht, was letztlich am Qualitätsunterschied liegt. Aber die offensive Harmlosigkeit (0:9 Torchancen) im Spiel bei RB war schon im Vorfeld ein kleines Alarmsignal.
Keine Torchance, das hatte es davor letztmals am 7. Spieltag 2023/24 gegeben, als der SC unter Christian Streich bei einem 0:3 in München vorne gar keinen Stich machte. Schuster bemängelte im Rückblick auf das Leipzig-Spiel „falsche Entscheidungen und fehlende Laufwege“ nach Balleroberungen und veränderte die Offensive auf zwei Positionen. Top-Scorer Grifo rückte zurück in die Startelf, blieb aber weitgehend blass, auch bei seiner eigentlichen Spezialität, den Standards. Deren Ausführung hatte Schuster schon in Leipzig nicht gefallen, als Grifo in der 55. Minute eingewechselt wurde.
Veränderung durch Dreifach-Wechsel
In Augsburg wurde Grifo, wie die ähnlich wirkungslosen bzw. fehlerhaften Höler und Jordy Makengo, in der 56. Minute vom Feld geholt. Erst dieser Dreifach-Wechsel mit Niklas Beste, Yuito Suzuki und Derry Scherhant brachte Schwung ins gesamte SC-Spiel und auch die schon die ganze Saison über wichtigen Standards. Beste servierte die ruhenden Bälle mit mehr Zug und Präzision, nach zwei seiner Ecken traf Freiburg. Erst Suzuki mit sehenswertem Volley und dann Matanovic aus kurzer Distanz, der erstmals überhaupt in der Bundesliga von Schuster ein Startelfmandat bekam.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich immerhin diese zweite offensive Veränderung so richtig gelohnt, nachdem Matanovic zuvor zumindest schon Präsenz – auch bei defensiven Standards – gezeigt und ein paar Kopfbälle abgelegt, aber auch zwei gute Hereingaben verpasst hatte. Kurz vor Ende beförderte der kroatische Nationalstürmer den Ball nach einem Lattenkracher von Scherhant, der das Freiburger Spiel mal wieder mit seinem Tempo belebte, ja noch mal über die Linie, hatte aber eben das Pech, dass der Ball bei Suzukis Hereingabe zuvor knapp im Aus gewesen war.
Mit solchen Details wollte sich Ginter hinterher aber gar nicht beschäftigen. Auch die zwei Gegentore hängen aus Sicht des Innenverteidigers zumindest mittelbar mit dem zentralen Defizit zusammen, auch wenn sie anderweitig hätten vermieden werden können. Vor dem 1:0 rückte etwa Makengo zu ungestüm raus, rutschte aus, öffnete damit die rechte Seite und innen ließ Lukas Kübler nach einer Ginter-Klärung per Kopf Torschütze Alexis Claude-Maurice zu viel Platz. Und rund um das 2:0 nach FCA-Ecke reklamierte SC-Coach Schuster hinterher ein Foul an Kübler und forderte eine Regeländerung.
Ginter betont das „ganz große Problem“
„Wenn wir viel Ballbesitz hätten, auch in der gegnerischen Hälfte, dann käme es erst gar nicht zu den vielen Eckbällen und diesen Situationen“, analysierte Ginter und legte den Finger nochmal deutlicher in die Wunde: „Ich weiß nicht, wie oft ich das schon gesagt habe, aber es ist unser ganz großes Problem.“
Tatsächlich agieren die SC-Profis im Angriffsspiel oft zu unsauber im Passspiel, erfolgsversprechende Abläufe im Elf-gegen-elf sind immer mal wieder zu selten erkennbar. Eine Ausnahme bilden da zuletzt die ersten 30 Minuten zum Jahresauftakt gegen den HSV, als sich der SC drei gute Torchancen herausspielte, einmal durch die Mitte und jeweils über eine Außenbahn. In dieser Phase agierten die Hamburger allerdings auch viel zu passiv und unorganisiert im Pressing, wie danach auch Trainer Merlin Polzin kritisch anmerkte.
Ginter Aussagen vor einem Jahr sind brandaktuell
So bleibt es bei Ginters grundsätzlich treffender Bestandsaufnahme. Dieses Thema hatte der Ex-Nationalspieler beispielsweise vor fast genau einem Jahr nach einem 1:4 in Frankfurt schon mal deutlich angemahnt: „Unsere größte Verbesserungsmöglichkeit liegt im Spiel mit dem Ball.“
Bei aller erfreulichen und erfolgreichen Entwicklung der Freiburger in den vergangenen Jahren bleibt das eine der Hauptaufgaben für Schuster und sein Trainerteam. Es ist allerdings zugegebenermaßen im modernen, athletischen Fußball wohl auch die schwierigste Herausforderung, einen Gegner spielerisch im eigenen Ballbesitz zu knacken.
Was Landesrivale Stuttgart vormacht
Dass eine Entwicklung in diese Richtung dennoch möglich ist, ohne Bayern München heißen oder die ganz großen finanziellen Möglichkeiten haben zu müssen, zeigt etwa der VfB Stuttgart unter Trainer Sebastian Hoeneß. Der schwäbische Landesrivale, der wie Freiburg im DFB-Pokal-Viertelfinale vertreten ist, hat in der Liga neun Punkte mehr als der SC, steht in der Europa-League-Tabelle aber zwei Zähler hinter den Breisgauern. Die stehen insgesamt auch ordentlich bis gut da in dieser Saison – trotz des angesprochenen Defizits.
Das ist Ginter bewusst: „Bisher können wir uns nicht beschweren. In den Pokal-Wettbewerben stehen wir gut da und in der Liga sind wir im Vergleich zur letzten Saison auch nur drei Punkte hintendran.“ Und 2024/25 wurde der SC bekanntlich am Ende Fünfter und verpasste die Champions League nur ganz knapp. „Die nächsten zwei, drei, vier Wochen werden entscheiden, ob wir auch in der Bundesliga noch mal bei einem Thema mitreden können“, sagte Ginter mit Blick auf die Europacup-Ränge und betonte abschließend nochmals: „Aber dafür müssen wir gerade das Spiel mit dem Ball deutlich verbessern.“
Streben nach Fortschritt trotz guter Gesamtlage
Für manche mag Ginters Kritik mit Blick auf die Gesamtlage, die verlässliche Stärke nach Standards, die immer wieder belebenden Joker, die insgesamt für eine gute Kaderqualität stehen, und die seit Jahren vorhandene, vorbildliche Stärke als Kollektiv überzogen wirken. Aber das Freiburger Eigengewächs ist seit jeher extrem ehrgeizig und hat es nur auf dieser Basis zu seiner jetzt schon eindrucksvollen Karriere gebracht. Und deshalb will er sich auch beim SC nicht mit den bisher größtenteils eindrucksvollen Erfolgen der vergangenen Jahre zufrieden geben, sondern weiteren Fortschritt erreichen.
Eine nachvollziehbare Haltung, schließlich hat der SC mit seiner guten Arbeit auch die eigenen Ansprüche selbst nach oben geschraubt und hat sich grundsätzlich von früher auf Augenhöhe befindlichen Kontrahenten wie Mainz oder Augsburg nach oben abgesetzt. Davon war allerdings am Sonntag im Spiel beim FCA viel zu wenig zu sehen, was auch das Chancenverhältnis von 4:7 aus SC-Sicht belegt. Darüber darf auch die Aufholjagd und die wilde Schlussphase mit der Chance auf den eigenen Sieg nicht hinwegtäuschen.
