Das 0:2 des HSV im Derby-Hinspiel gegen St. Pauli schien die neuen Machtverhältnisse in Fußball-Hamburg manifestiert zu haben. Merlin Polzin war im August um eine nüchterne Bestandsaufnahme bemüht, und diese nimmt der Trainer auch jetzt vor, da seine Mannschaft in der Tabelle vor dem Stadt-Nachbarn rangiert.
Entwicklung nahm nach letztem Derby an Fahrt auf
Den Begriff „Prozess“ hat Polzin seit dem Vorbereitungsbeginn im Sommer immer wieder gewählt. Auf der Pressekonferenz am Mittwoch hat der HSV-Coach deutlich wie selten gesagt, dass er und seine Mannschaft in diesem zum Zeitpunkt des ersten Stadt-Derbys dieser Spielzeit noch sehr am Anfang standen. „Es gehört bei so einem Prozess immer dazu, realistisch zu sein. Im Sommer war es definitiv so, dass wir noch nicht so weit waren, unsere Mannschaft noch nicht komplett war. Es war ein ganz anderes Spiel.“
Erst in den Tagen nach der Derby-Pleite wurden Luka Vuskovic, Albert Sambi Lokonga und Fabio Vieira integriert, und wenn Polzin sagt, das Hinspiel sei „ein ganz anderes Spiel“ gewesen, will der 35-Jährige damit natürlich ausdrücken: Das Rückspiel am Freitag am Millerntor soll ein aus HSV-Sicht möglichst ebenfalls ganz anderes Spiel werden. Der realistische Blick regiert im Vorfeld bei ihm erneut, und er gilt vor allem dem Nachbarn. Dessen Sturz ans Tabellenende empfindet er mit Blick auf die jüngsten Auftritte nicht als zwangsläufig. Beim 1:2 in Wolfsburg war Polzin vor Ort, das 2:3 in Dortmund empfand er ebenfalls als unglücklich.
„St. Pauli“, lobt Polzin, „hat viele gut funktionierende Automatismen, die Mannschaft lässt wenig zu.“ Die Marschroute für ihn ist dennoch klar: Der eigene Entwicklungsprozess seit dem letzten Duell soll sich im Ergebnis und im Auftritt ausdrücken. „Wir sind jetzt weiter, aber es ist jetzt auch von mir als Trainer gefordert, dass es am Freitag sichtbar wird, dass wir mittlerweile ein anderer HSV sind.“
Das Derby steigt bereits ohne China-Abgang Ramos
Ein HSV, bei dem sich zudem die Personalsituation mehr und mehr entspannt. Innenverteidiger Warmed Omari ist nach seiner Sprunggelenk-Operation und der Pause seit Oktober wieder komplett im Mannschaftstraining und eine Option für den Derby-Kader, dazu gibt es zwei Entwarnungen: Gegen Mönchengladbach (0:0) musste Sambi Lokonga nach einem Schlag auf die Wade passen und Nicolas Capaldo wegen Oberschenkelproblemen vorzeitig raus – auf St. Pauli stehen beide zur Verfügung, auch Daniel Elfadli ist nach verbüßter Sperre wieder dabei und Robert Glatzel bereit für mehr als die zehn Einsatzminuten vom vergangenen Samstag.
Nicht mehr zum Derby-Kader wird Guilherme Ramos gehören. Der 28-jährige Portugiese galt im Sommer als Innenverteidiger ohne Perspektive, stieg aufgrund seiner charakterlichen Eigenschaften und seiner enormen Kopfballstärke aber vom Streichkandidaten zur Allzweckwaffe im Kader auf: Polzin brachte ihn in Schlussphasen wahlweise für Abwehrschlachten oder auch mal für Schlussoffensiven. Jetzt zieht es den Ex-Bielefelder ein halbes Jahr vor Vertragsende nach China zu Beijing Guoan.
