Nach dem 0:1 gegen Leverkusen, der zweiten Heimpleite in Folge und der Rückkehr in den Abstiegskampf, versammelte Merlin Polzin seine Profis am Mittwochabend direkt in der Kabine. Der HSV-Trainer ist vor dem Richtungsweiser in Wolfsburg weit entfernt von Alarmstimmung, aber deutlich bemüht, die Sinne zu schärfen.
Verletzte und sportliche Ausfälle
Fehlende Energie hatte Polzin als Ursache für die 1:2-Niederlage gegen Leipzig ausgemacht, gegen Bayer 04 war seine Mannschaft ähnlich chancenlos. Für Trainer und Team geht es nun einerseits um die Berücksichtigung, dass es nacheinander gegen Champions-League-Anwärter ging, andererseits aber auch um die Erkenntnis, dass die gezeigten Vorträge grundsätzlich nicht ausreichen werden, um in der Liga zu bleiben, denn: Die knappen Ergebnisse suggerieren eine Augenhöhe, auf der sich der HSV tatsächlich nicht befunden hatte.
In der Offensive belebt allein Youngster Stange
„Eine verdiente Niederlage gegen ein Top-Team“, sieht Polzin nach dem Mittwoch und versichert: „Wir können das richtig einordnen.“ Seine Spieler können dies offenbar ebenfalls und gehen sehr kritisch mit der jüngsten (Fehl-)Entwicklung um, die leistungsmäßig schon mit dem 1:1 in Mainz eingesetzt hat. „Wir wollten ein anderes Gesicht zeigen als gegen Leipzig“, sagt Daniel Elfadli und konstatiert: „Das haben wir nicht geschafft. Es war nicht die Art und Weise, die wir zeigen wollen.“
Jatta fällt mehrere Wochen aus
Die Gründe erscheinen vielschichtig. Blessuren sind dabei nur ein Grund. Gegen Leverkusen fehlte Yussuf Poulsen aus Gründen der Belastungssteuerung, Philip Otele wegen Adduktorenproblemen; Bakery Jatta musste mit einer Muskelblessur frühzeitig raus und Polzin rechnete direkt mit einem längerfristigen Ausfall: „Baka sagt, er hat was gespürt und auch was gehört. Das ist nicht ganz so schön.“ Am Donnerstag folgte nach einer eingehenden Untersuchung die bittere Bestätigung: Der 27-Jährige wird wegen einer Verletzung im linken hinteren Oberschenkel mehrere Wochen ausfallen. Und es bedeutet einen Rückschlag, weil der vom Flügelstürmer zum Schienenspieler umfunktionierte Publikumsliebling es – im Gegensatz zu William Mikelbrencis und Giorgi Gocholeishvili – geschafft hat, die rechte Seite defensiv dicht zu bekommen.
„Das Letzte, was wir machen werden, ist über Ausfälle jammern“, sagt der Trainer. Wohlwissend, dass er noch weit mehr Probleme als jene personeller Art hat. Vor allem in der Offensive: Fabio Vieira kann an guten Tagen den Unterschied machen, an weniger guten taucht er mitunter komplett ab. Weitaus größer ist die Baustelle im Sturm: Jean-Luc Dompé erlebt einen derartigen Kursverfall, dass er gegen Leverkusen nichtmal in Abwesenheit von Otele als Linksaußen beginnen durfte. Der für ihn aufgebotene Rayan Philippe ist mit fünf Treffern zwar immer noch der beste Hamburger Torschütze, versinkt aber seit Jahresbeginn komplett im Tief, bleibt auch in Sachen Körpersprache alles schuldig.
Die Fantasie, bis zum Ende seiner Leihe noch zum Gewinn werden können, weckt auch Damion Downs bislang nicht. Waren nach seinen ersten (schwachen) Spielen im Januar noch mildernde Umstände angebracht, da der Ex-Kölner ohne Spielpraxis und Selbstvertrauen aus Southampton kam, muss nun im März konstatiert werden: Der US-Amerikaner ist noch keinen Schritt weiter gekommen, wirkt fußballerisch limitiert und überzeugt auch nicht mit körperlicher Präsenz.
Da das Vertrauen in den Körper von Poulsen nach dessen Verletzungshistorie ähnlich begrenzt ist wie jenes in Robert Glatzel hinsichtlich dessen Fähigkeiten im Anlaufen, sind Hoffnungsträger rar. Denn: Auch Ransford Königsdörffer bleibt ein unsicherer Kantonist, hat nach drei Toren in den beiden Partien in Heidenheim (2:0) und gegen Union Berlin (3:2) nun dreimal nacheinander wieder enttäuscht. Gegen Leverkusen wechselte Polzin deshalb den Leih-Rückkehrer Otto Stange ein. Tatsächlich produzierte das 19-jährige Eigengewächs während seines 25-minütigen Jokereinsatzes mehr Produktives als sämtliche zu Beginn an eingesetzten Angreifer zusammen.
„Otto“, lobt Polzin, „hat immer noch diese Unbekümmertheit, die auch in diesem Spiel wieder für drei, vier Momente gesorgt hat.“ Obwohl es in Elversberg nicht zum Durchbruch reichte und er deshalb vorzeitig zurückgekehrt ist, bescheinigt der Coach ihm, dass er „Schritte gemacht hat“. Mit diesen hob er sich gegen Leverkusen von allen anderen Offensivspielern ab. Sie reichen aber im Normalfall noch nicht aus, um den Teenager in den Rang des Hoffnungsträgers zu heben.
