Nach sechs Monaten kehrt Jamal Musiala ins Aufgebot des FC Bayern zurück. Über das vielleicht noch schwierigere Zuschauen.
Zum Comeback von Jamal Musiala
Für gewöhnlich und natürlich nur zur Sicherheit hält sich Vincent Kompany ein Hintertürchen offen. Man weiß ja grundsätzlich nie, aber meistens weiß er es schon ziemlich gut. Wenn der Trainer des FC Bayern also seinen üblichen „Wenn heute im Training nichts passiert“-Satz sagt, ist die Chance schon recht groß, dass im Training nichts passiert.
Wenn im Training am Freitag also nichts Außergewöhnliches passiert ist – und danach sah es bislang nicht aus -, sollte Jamal Musiala am Samstagabend zum ersten Mal seit sechs Monaten wieder auf einem Spielberichtsbogen des FC Bayern auftauchen, der Dribbelkünstler kehrt passend fürs Spitzenspiel in Leipzig zurück ins Aufgebot der Münchner, wird aber natürlich nur als Joker infrage kommen.
Über Wochen hatte sich der leidgeplagte 22-Jährige herangekämpft, über Laufeinheiten und erste Aktionen mit dem Ball, bis hin zur schrittweisen Eingliederung ins Mannschaftstraining. Der Wadenbeinbruch, zugezogen Anfang Juli beim Klub-WM-Viertelfinale gegen Paris Saint-Germain (0:2), ist auskuriert, der Schmerz sowieso längst verflogen. Und das Vertrauen in den eigenen Körper wieder da.
„Dann schätzt du alles mehr wert.“ (Kompany über die einfachen Dinge nach einer langen Verletzung)
„Er nimmt natürlich viel positive Energie mit“, sagt Kompany über Musiala. „Wenn du aus diesem dunklen Tunnel rauskommst, sind auch die kleinen Sachen toll.“ Der erste Tritt gegen den runden Ball zum Beispiel, die ersten Schweißperlen auf der Stirn, der erste Muskelkater in den Tagen danach. „Was ich den Jungs empfehle, die aus Verletzungen kommen, dass sie das erste Gefühl nie vergessen, wenn sie zurück sind. Dann schätzt du alles mehr wert. Jamal hat das im Moment, Phonzy (Davies) auch.“
Beide Kumpels haben Teile der Reha zusammen bestritten, sich gegenseitig im Krankenhaus besucht, mentalen Support geliefert. Davies, der zuletzt aus Krankheitsgründen pausieren musste, hat sich bereits in der Champions League zurückgemeldet, Musiala steht das gleiche Glücksgefühl noch bevor. Wenn nicht in Leipzig, dann am Mittwoch in der Königsklasse gegen Saint-Gilloise.
Und vom Trainer bekommt der Ausnahmekönner alle Zeit der Welt, Stück für Stück den Anschluss zu finden. „Für mich ist die Rolle von Jamal und Phonzy – ich sage das, weil ich sie gerne schützen möchte – im Moment noch nicht, dass sie das Spiel entscheiden müssen. Sie haben hoffentlich eine gute Integration, mal gute Leistungen dabei. Und irgendwann, im richtigen Moment, sind sie ganz fit und haben vielleicht nicht nur das Niveau von vorher, sondern einen Schritt mehr.“
Schließlich hört die Entwicklung mit 22 Jahren nicht auf, selbst während einer Verletzungspause. Gerade dann, findet Kompany, bietet sich oft sogar die Chance, andere Schwerpunkte zu setzen, an weiteren Punkten zu arbeiten. „Beide Jungs haben sich körperlich entwickelt in dieser Phase“, erzählt der Trainer über Davies und Musiala, bezieht sich damit aber nicht auf die reine Muskelmasse, sondern eher auf eine Mischung aus Stabilität, Mobilität und Geschwindigkeit. „Wir haben nie die Zeit, daran zu arbeiten. Wenn du immer spielst, spielst, spielst, ist deine Fitness nur die Spiele. Manchmal diese Zeit haben, deinen Körper aufzubauen, hat mir geholfen. Die Jungs haben gut gearbeitet, die nächste Version ist interessant.“
Wer räumt dann bald den Platz für Musiala?
Und welche Version bekommt der FC Bayern? Den Platz auf der Zehn hat Serge Gnabry zu Saisonbeginn gut ausgefüllt, in den vergangenen Wochen ist Lennart Karl vorbeigezogen und hat die Bundesliga mit frechen Sprüchen und tollen Toren begeistert. Auf den Flügeln sind Michael Olise und Luis Diaz selbstverständlich gesetzt. Und im Sturm hat Harry Kane sich die eigentlichen Musiala-Räume im Zehner- und Sechserbereich zu eigen gemacht und seinen Einfluss aufs Spiel nochmal vergrößert.
Musiala wird sich den Anschluss über Joker-Einsätze erarbeiten, so wie das schon mal im Juni der Fall war, als sich der Nationalspieler von einem Muskelbündelriss erholt und bei der Klub-WM in den USA nach zwei Monaten Pause sein Comeback gefeiert hatte, mit einem Dreierpack übrigens nach Einwechslung gegen Auckland City (10:0).
Sechs Tage später ließ sich Musiala 25 Minuten nach seiner Einwechslung gegen Boca Juniors (2:1) schon wieder auswechseln, weil die Wade gezwickt hatte. Und als er endlich wieder voll da zu sein schien, passierte gegen Paris das Unglück mit Gianluigi Donnarumma.
Ein halbes Jahr lang musste Musiala nun mit ansehen, wie die Bayern unter Kompany immer besser wurden, die Bundesliga nach Belieben beherrschten und selbst an den bösen Parisern in der Champions League Revanche nehmen konnten für das Aus bei der Klub-WM.
Vermisst wurde die neue Nummer 10 der Münchner zwar schmerzlich, aber dass sie sich ganz in Ruhe zurückkämpfen konnte, gehört eben auch zur Wahrheit dieser funktionierenden Bayern-Mannschaft, in die man sich erstmal wieder hereinspielen muss. Zuzutrauen ist Musiala das mit seiner Extraklasse allemal, zumal die wirklich wichtigen Spiele für die Spielentscheider ja erst noch bevorstehen. Jetzt aber geht’s vom Tunnel erstmal wieder aufs Spielfeld – und zwar ganz in Ruhe.
