Torhüter werden geblockt, segeln mitunter bemitleidenswert an Flankenbällen vorbei. Wäre es sinnvoll, Eckbälle im Fußball abzuschaffen? Die kicker-Redakteure Thomas Böker und Matthias Dersch haben unterschiedliche Meinungen.
Was spricht dafür – und was dagegen?
Einen Standardspezialisten im Trainerstab zu haben, ist längst keine Seltenheit mehr – ebenso wenig wie unübersichtliche Schubsereien im Vorfeld und während einer Ecke. Während sich die Torhüter mehr Unterstützung durch die Schiedsrichter wünschen, darf die Frage gestellt werden, ob Eckbälle in dieser Form überhaupt noch zielführend sind. Ein Pro & Contra.
Pro: Eckbälle erzeugen mehr Fouls als Spannung
Von Thomas Böker
Der Torhüter hat bei vielen Eckbällen kaum noch eine realistische Chance, an den Ball zu kommen – und sieht dabei oft unverschuldet schlecht aus. Gleichzeitig agieren zahlreiche Spieler nicht mehr in Erwartung der Ausführung, sondern ringen, zerren, halten, schubsen und klammern. All das gilt inzwischen als „handelsüblich“: hier zu wenig für einen Strafstoß, dort nicht ausreichend, um einen Treffer abzuerkennen.
Tatsächlich handelt es sich um Fouls, deren stillschweigende Legitimierung allein aus ihrer Masse resultiert – und die die Referees zunehmend überfordern. Auffällig ist dabei die Inkonsistenz: Bei Fouls nach Einwürfen oder Abstößen wird konsequent eingegriffen, bei Eckbällen hingegen oft großzügig weggesehen. Die Fans reagieren genervt, pfeifen, warten auf die Ausführung.
Wozu das alles? Mit spielerischer Klasse hat dieses Gedränge nur selten zu tun, zumal Eckballstärke nicht selten als Alibi dient, um fehlende Lösungen aus dem Spiel heraus zu kaschieren. Deshalb bewusst provokant gefragt: Wer braucht solche Ecken, die mehr Fouls als Spannung erzeugen?
Denkbare Gegenentwürfe gäbe es durchaus – etwa den Fünfmeterraum konsequent freizulassen oder kurze Ecken verpflichtend zu machen, weil dann ohnehin alle Spieler herausrücken und loslassen müssten. Und wenn es tatsächlich darum geht, mehr Tore zu produzieren – werden die Behinderungen der Keeper deshalb nicht geahndet? – dann könnte man auch gleich konsequent sein und Bolzplatz-Feeling schaffen: drei Ecken, ein Elfmeter.
Contra: Die Regeln müssen lediglich konsequenter umgesetzt werden
Von Matthias Dersch
Bei allem Verständnis für die Bedingungen, die inzwischen bei ruhenden Bällen in den Strafräumen herrschen, kann die Abschaffung oder grundlegende Modifikation des Eckballs nicht die Lösung sein. Standardsituationen bieten gerade jenen Mannschaften, deren finanzielle Möglichkeiten begrenzt sind, die Chance, mit guter, detailverliebter Arbeit mit den Großen mitzuhalten – sie mitunter sogar zu schlagen.
Und lieben wir nicht alle genau diese Spannung, die in engen Spielen durch späte Ecken und Freistöße entsteht? Weil jeder weiß: Jetzt kann noch etwas passieren. Das verteidigende Team beginnt zu zittern, die angreifende Mannschaft wittert Morgenluft, schickt den Torwart mit nach vorne. Auf den Rängen wird es lauter, dichter, elektrischer. Genau diese Emotionen wollen wir doch!
All das heißt allerdings nicht, dass es kein Verbesserungspotenzial gäbe. Doch dafür braucht es keine Revolution des Regelwerks – sondern lediglich eine konsequentere Anwendung der bereits geltenden Regeln.
